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Chronik der Gemeinde Osterzell

Bild: Osterzell von oben

Schon in der Mitte des 8. Jahrhunderts errichteten fränkische oder irische Mönche vom kleinen Reichskloster Marienzelle in Stöttwang aus eine weitere Zelle (Wohnung und Kirchlein) und nannten sie "Zell". Da aber die Pfarrkirche in Stöttwang ebenfalls die Zelle hieß, erscheint im 12. Jahrhundert zur Unterscheidung von dieser der Beisatz Osterzell, weil eben von Stöttwang aus gegen Osten gelegen. Die Herrschaftsrechte lagen beim Reichsstift St. Lorenz in Kempten, damals eines der mächtigsten im süddeutschen Raum. Auf dessen Geheiß wurde im Jahre 1180 der Grundstein zur jetzigen Pfarrkirche St. Stephan und Oswald gelegt. Die Herren von Benzenau aus Kemnat erwarben um 1200 n. Christus die Hoheitsrechte in Osterzell. 1535 kaufte ihnen Jakob von Kaltental die Herrschaft ab. 1699 erwarb das Kloster Rottenbuch bei Schongau die Ritterherrschaft Osterzell von dem letzten Kaltentaler Georg Christoph.

Gegenüber der Kirche liegt das ehemalige Schloss, von dem noch der Mittelbau existiert. Infolge Verschuldung verkaufte Simprecht von Benzenau auf Schloss Kemnat mit Genehmigung des Abtes Wolfgang von Kempten am 4. Oktober 1535 die Dörfer Osterzell mit dem Weiler Oberzell, Ödwang mit dem Weiler Tremmelschwang, Hirschzell und die Einöden Stocken, Salabeuren, Empisried und Hergertshofen um 20150 Gulden an Jakob von Kaltental, der in Mühlhausen am Neckar der königliche Rat des berühmten römisch-deutschen Kaisers Karl V. war. So entstand eine eigene Reichsritterherrschaft Osterzell.

Den Höhepunkt Kaltentaler Herrschaft erlebte Osterzell unter Burkhard II., dem Erbauer der Schlossanlage. Im Chor der Pfarrkirche steht er als Maximiliansritter. Seine Nachfolger haben nicht immer zum Segen der Bevölkerung gewirkt. Unter den "aufgeklärten" Rittern fielen viele Osterzeller Frauen dem Hexenwahn zum Opfer. An einem Tag, am 14. Mai 1590, wurden neun Frauen auf dem Galgenberg durch das Schwert hingerichtet und dann verbrannt. Die Kosten der Hexenprozesse waren so gewaltig, dass der Gemeindewald verpfändet werden musste.

Auch in anderer Weise hatten die Untertanen unter der Fuchtel der Kaltentaler zu leiden. Friedrich Achilles legte eine ungeheure Abgabenlast auf die durch Pest und Krieg geschundenen Menschen, so dass sie in ihrer Not 1644 den Kaiser anriefen. Nach zehnjährigem Rechtsstreit erfolgte ein magerer Vergleich: Nur die willkürlich auferlegte Leibsteuer wurde gestrichen.

Georg Christoph war der letzte Kaltentaler Herr in Osterzell. Prunkliebe und Lebensgenuss brachten ihm den Namen "wilder Junker Jörg" ein. Während seiner Regentschaft erhielt das Schloss zwei Seitenflügel. Mit Zustimmung des Reichsfürstabtes von Kempten verkaufte Jörg von Kaltental am 21. Juli 1699 die freiadlige unmittelbare Reichsritterschaft Osterzell um 112000 Gulden an das Augustiner- und Chorherrenstift Rottenbuch bei Schongau.

Die Kaltentaler haben somit nicht nur das Schloss hinterlassen, sondern dem ganzen Tal ihren Namen gegeben. Das Geweih und das Buchenblatt im Gemeindewappen sollen an die Herrschaft der Ritter von Kaltental und der Pröpste von Rottenbuch erinnern. Der vom Kloster bestellte Pfarrer, Pater Primus Schlecht, bezog zusammen mit einem Ordensbruder das Schloss. Es war nun Pfarrhaus geworden. Den alten Pfarrhof überließ der Prälat 1762 der Pfarrgemeinde als Schulhaus "in Erwägung, dass einer christlichen Gemeinde nichts nützlicher ist als eine gute Schulhaltung." Und das 50 Jahre vor Einführung der Schulpflicht. Bei der Säkularisation im Jahr 1803 ging der Besitz der Abtei Rottenbuch an den Staat. Wenige Meter entfernt befindet sich der unter Denkmalschutz stehende Pfarrstadel. Das ehemalige Ökonomiegebäude des Schlosses wurde Dank des Engagements einiger Bürger und der Gemeinde saniert. Im schmucken Saal mit Bühne und Empore finden seit der Einweihung am 31.07.1980 kulturelle Veranstaltungen, Feste und Feiern statt.                 

Unmittelbar daneben steht seit mindestens 1609 das Gasthaus "Zur Post", das ursprünglich "zur Tafernwirtschaft" hieß. Von 1886 bis 1930 war hier die Poststelle untergebracht. Der Postkutschenbetrieb, der hier halt machte, wurde 1923 eingestellt. Einen denkwürdigen Tag erlebte das Gasthaus am 14. Januar 1771. Der Wildschütz Matthias Klostermaier, genannt der "Bayrische Hiasl", hatte sich hier mit neun Kameraden einquartiert. Durch Verrat konnten die Verfolger seiner habhaft werden. Hiasl wurde in Dillingen erdrosselt, gerädert und gevierteilt. Theater und Schützenverein von Osterzell tragen den Namen des berühmt-berüchtigten Helden.